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Corona sei Dank – Sklaverei in der Fleischindustrie gerät endlich in den Fokus

Wenn ein rumänischer, bulgarischer oder polnischer Werksarbeiter, der in der Fleischindustrie arbeitet (und das nicht nur bei Tönnies), krank ist und zu Hause bleiben muss, erhöht sich die Miete um zehn Euro pro Tag. Diese Information schockiert und macht deutlich, dass die Menschenwürde in Teilen der Fleischindustrie nichts mehr zählt. Diese Menschen aus osteuropäischen EU-Ländern, die vor Ort zu Dumping-Löhnen Akkordarbeit leisten, verdienen mehr, als sie zu Hause verdienen würden. Zugegeben. Aber ist das ein Grund, sie auszubeuten? Rechtfertigt dies, dass sie zum Beispiel zu neunt in kleinen Wohnungen untergebracht werden, wo sie eigentlich nur schlafen, aber nicht leben können? Wundert es wirklich, dass sich der Virus bei den berichteten hygienischen Verhältnissen so schnell ausbreitet?

Ein großer Fortschritt war der 2014 gesetzlich eingeführte Mindestlohn, der seit dem 1. Januar 2020 bei 9,35 Euro pro Stunde liegt. Ich finde, dass jeder Mensch von dem, was er verdient, leben können muss – und auch seine Familie. Dass nur 4,50 Euro pro Stunde bei den Werksarbeitern ankommen sollen, offenbart, wer im System alle mitverdient.

Warum ist so etwas in Deutschland möglich?

Erste These: Viele haben weggesehen. Bis heute.
Das Problem ist nicht neu. Immer wieder gelangten diese Zustände an das mediale Tageslicht. Geändert hat das wirklich nicht viel. Doch dank des Corana-Virus sind wir plötzlich alle betroffen. Das motiviert zu handeln. Menschen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, die das heute anprangern, müssen sich fragen lassen, warum sie nicht viel eher handelten?

Zweite These: Verantwortung ist ein Fremdwort, sowohl bei den Fleischbaronen wie auch bei den Fleischkonsumenten.
Sowohl der Konsumierende, der billiges Fleisch als selbstverständlich erachtet, als auch der fleischverarbeitende Unternehmende, der diese Zustände mit all seinen Folgen billigend in Kauf nimmt, zeigt damit wenig Verantwortung. Das Grundgesetz sagt, die Menschenwürde sei unantastbar. Das gilt auch für die Werksarbeitenden.

Dritte These: Die immer wieder gern beschworenen gemeinsamen europäischen Werte werden hier konterkariert.
Deutschland übernimmt zum 1. Juli 2020 die Ratspräsidentschaft innerhalb der Europäischen Union. Es werden zurzeit wieder die gemeinsamen Werte betont, es wird viel Pathos in die zu meisternden Herausforderungen gelegt. Doch gerade die Behandlung der osteuropäischen EU-Bürger/innen belegt, wie viel Gefasel in der EU noch Wirklichkeit ist.

Vierte These: Dahinter steckt auch rassistisches Herrenmenschendenken.
Es braucht stets ein gesellschaftliches Klima, dass derartige Zustände (und wir könnten die Spargelhelfer oder die Pflegekräfte in Privathaushalten einbeziehen) mehrheitlich akzeptiert bzw. ein Gefühl, dass diese Zustände akzeptiert werden könnten. Denn jeder Mensch weiß, was ein Mindestmaß an Anstand ist und keiner würde das seinem Freund oder Nachbarn zumuten. Dass man meint, dies Rumänen, Bulgaren oder Polen zumuten zu dürfen, zeugt von einem Blickwinkel, der das moralisch vor sich rechtfertigt. Man dürfe das. Das sei ja legal. Sind ja auch „nur“ Rumänen, Bulgaren oder Polen. Die hätten ja zuhause noch viel weniger. Das ist rassistisches Herrenmenschendenken.

Fünfte These: Auch in der Pflege arbeiten viele (vor allem Frauen) für wenig Geld rund um die Uhr.
Rund 250.000 osteuropäische Frauen und Männer arbeiten für recht wenig Geld 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche in deutschen Haushalten, um privat ältere Menschen zu pflegen. Wenn es diese Menschen nicht gäbe, wäre der Pflegenotstand noch dramatischer als er jetzt schon ist. Für das gleiche Geld würde kein deutscher Mann bzw. keine deutsche Frau diese Leistungen erbringen. Was sagt uns das?

Fazit?
Corana sei Dank wird das Scheinwerferlicht gerade auf Zustände gerichtet, die niemand von uns für sich als Wirklichkeit erleben möchte. Unabhängig von den Folgen sollten wir alle dafür sorgen, dass es selbstverständlich ist, dass Menschen, die in Deutschland arbeiten, Respekt und menschenwürdiges Behandeln verdienen. Von allen.


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