Geflüchtete Menschen gehören auch morgen noch weltweit zum Stadtbild – Und nun?
117,8 Millionen Menschen – schätzen die Vereinten Nationen – waren Mitte 2025 weltweit auf der Flucht. Die meisten Menschen fliehen an Orte innerhalb ihres Staates, dann ihrer Region – die wenigsten Menschen machen sich auf weite Wege, so zum Beispiel über Kontinente hinweg. Die meisten Geflüchteten stammen zurzeit aus dem Sudan bzw. sind in diesem Land bzw. in den Nachbarländern unterwegs. Das nehmen wir jedoch kaum zur Kenntnis. 41 Prozent aller Menschen, so die Vereinten Nationen, die auf der Flucht sind, sind Kinder und Jugendliche.
Expert*innen gehen davon aus, dass auf dem Hintergrund des Klimawandels viele Millionen Menschen zukünftig zu Geflüchteten werden, da sie nicht mehr dort leben können, wo sie jetzt ihre Heimat haben – selbst, wenn sie es wollten. Sie machen sich auf den Weg, weil sie und ihre Familien (über-)leben möchten. Die Frage ist nicht, ob sie sich auf den Weg machen, die Frage wird sein, wie gehen wir als Menschheit mit dieser Herausforderung in Zukunft um. Sind wir bereit, aus den bisherigen Erfahrungen zu lernen?
Denn: die Frage von Flucht und Vertreibung bewegt im Grunde die Menschheit schon immer – wir können zum Beispiel viele Belege in der Bibel finden. Und wir werden wahrscheinlich auch kaum Länder oder Regionen finden, die im Laufe der Menschheitsgeschichte nicht erlebten, dass Menschen aus ihnen entfliehen mussten bzw. in denen Menschen Zuflucht suchten. Die Motive sind mannigfaltig. Sie zu diskutieren und zu bewerten ist müßig.
Mehrere Sachbücher und Romane beschäftigen sich mit diesem Thema aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln und geben Hinweise für die Zukunft.
Eine sehr lesenswerte Publikation erhielt 2026 den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse. Die Münchener Historikerin Marie-Janine Calic zeichnet in ihrem Buch „Balkan-Odyssee“ akribisch nach, wie Menschen aus dem Deutschen Reich in der Zeit von 1933 – 1941 in südosteuropäische Länder flohen. Es waren vor allem Menschen jüdischen Glaubens, die die Schergen der NSDAP aus Deutschland verjagten. Es waren aber auch Künstler*innen und politisch Andersdenkende. Ihre Schicksale werden von ihr sehr einfühlsam und eindrucksvoll nachgezeichnet. Ihr Buch verdeutlicht, dass es jene Länder waren, die deutsche Geflüchtete aufnahmen, aus denen es heute wiederum eher Menschen nach Deutschland zieht. Erschreckend bleibt die zitierte Rhetorik der NSDAP-Größen, die in der Tat – man glaubt es kaum – heute wieder salonfähig geworden ist. Fazit: Ein heutiges Aufnahmeland von Geflüchteten kann morgen ein Land sein, aus dem Menschen fliehen – und umgekehrt.
Ein besonderes Schicksal deutscher Migrantinnen beschreibt sehr eindrucksvoll und empathisch der 2026 veröffentlichte Roman „Moosland“ von Katrin Zipse. Sie erlaubt uns einen Blick auf das historisch belegte Schicksal von rund 300 Frauen, die 1949 auf Einladung des isländischen Bauernverbandes nach Island ausgewandert waren. Heute würden sie von manchen als „Wirtschaftsflüchtlinge“, von anderen als „dringend gebrauchte Arbeitskräfte“ bezeichnet werden. Sie konnten die Sprache nicht, sie waren nicht mit dem Brauchtum und den isländischen Gepflogenheiten vertraut und lebten sehr ländlich in sehr ärmlichen Verhältnissen. Gewünscht war deren Arbeitskraft auf isländischen Höfen. Wie kann unter diesen Rahmenbedingungen Integration gelingen? Nicht wenige waren nach einem Jahr mit einem isländischen Mann verheiratet – und nicht wenige Kinder bzw. Enkelkinder haben heute keine Ahnung, dass sie deutsche Vorfahren haben. Fazit: Aus- und Einwanderung prägen nahezu alle Länder – aus den unterschiedlichsten Gründen und Motiven.
Wir in Deutschland nehmen in den letzten Jahren besonders wahr, dass Menschen aus anderen Ländern nach Deutschland fliehen. Nicht wenige fühlen sich überfremdet und überfordert. Übrigens ist das auch ein Phänomen, dass die Historikerin Calic in ihrer „Balkan-Odyssee“ beschreibt. Entscheidend bleibt halt immer, mit welcher Haltung Menschen der aufnehmenden Gesellschaft den Menschen, die zuwandern, begegnen.
Der Schriftsteller Timur Vermes hat das in seinem 2018 erschienenen Roman „Die Hungrigen und die Satten“ sehr schön zusammengefügt. Menschen, die satt sind und Angst haben zu verlieren, und Menschen, die hungrig sind und hoffen, ihre Lebenssituation nachhaltig zu verändern. Er ging der Idee nach, wie es wäre, wenn die Menschen in einem Flüchtlingscamp in einem afrikanischen Land sich zu Fuß auf den Weg nach Deutschland machten. Dieser Marsch wird medial begleitet und beherrscht dadurch die Aufmerksamkeit weltweit. Ich möchte dieser fantasievollen, gleichwohl nicht unrealistischen Geschichte nicht vorgreifen, sondern empfehlen, sie zu lesen. Der Marsch endet an Zaunanlagen zwischen Deutschland und Österreich und in einer Katastrophe. Das belegt, das wir lernen müssen, Flucht vom Ende her zu denken. Fazit: Fliehende Menschen finden immer Wege.
Die Fakten zur Situation der Geflüchteten weltweit und die zitierten Publikationen belegen, dass die übliche Flüchtlingspolitik der hohen Zäune, der Abschottung und Ausgrenzung gescheitert ist. Sie stellt kein Instrumentarium für die Zukunft mehr da. Viel stärker müssen Fluchtursachen in den Ländern, aus den sie geflohen sind, beseitigt werden. Politisch aktive Menschen, die einer Abschottung, einer „Wir zuerst“-Agenda das Wort reden, werden nicht mehr zu nachhaltigen Lösungen beitragen. Können und wollen wir aus der Geschichte lernen?
Die Menschheitsgeschichte ist und bleibt eine Wanderungsgeschichte. Dies gilt es zu akzeptieren und zu gestalten. Es wird auch dazu führen, dass die Satten den Hungrigen abgeben müssen. Je eher wir das erkennen, umso mehr und schneller wird Flucht an Bedeutung verlieren. Andernfalls werden weiterhin die Hungrigen den Weg zu den Satten suchen und finden. Integrationspolitik bleibt daher eine entscheidende inklusive Aufgabe unserer gemeinsamen Zukunft.
