Rente mit 70? Oder: Wie sieht ein gesunderhaltener Arbeitsplatz aus?
Machen wir uns nichts vor: Der 70-Jährige von heute ist nicht zu vergleichen mit einem 70-Jährigen 1980 oder mit einem 70-Jährigen 2050. Die Menschen leben nicht nur länger, sondern erleben dieses Älterwerden auch mit einer höheren Gesundheit und Lebensqualität. Nicht umsonst bezieht ein*e Rentner*in von heute im Durchschnitt noch nie so lange das Altersruhegeld wie zuvor: 21 Jahre. Damit das gelingt, subventioniert der Bund aus Steuermitteln die Rentenkasse mit jährlich rund 100 Milliarden Euro.
Ende 2024 lebten in Deutschland 16,7 Millionen Menschen, die älter als 67 Jahre waren. Bis 2040 wird diese Zahl mindestens auf 20,5 Millionen ansteigen. Gleichzeitig sinkt die Zahl derer, die ins Arbeitsleben gelangen. In Deutschland leben mehr Rentenbeziehende als minderjährige Kinder und Jugendliche. Der Generationenvertrag wie er 1957 konzipiert worden ist, funktioniert schon lange nicht mehr. Die „Rente mit 67“ war ein erster wichtiger Schritt, der dann aber mit der „Rente mit 63“ sowie der „Mütterrente“ teuer konterkariert wurden.
Erneut ist eine Rentenkommission beauftragt, Lösungsideen zu erarbeiten. Es gibt grundsätzlich drei Stellschrauben: die Beitragshöhe (und damit auch verbunden der Kreis der Beitragzahlenden), das Rentenniveau (das bis 2031 auf 48 Prozent festgelegt worden ist) und das Renteneintrittsalter. Man könnte auch eine Kinderkomponente einführen, wonach diejenigen Personen, die Kinder erzogen haben, mehr Rente erhalten oder früher Rente beziehen oder weniger in die Rentenkasse einzahlen können.
Der Druck auf das Rentensystem wird in jedem Fall zunehmen. Doch da bei jeder Wahl in Deutschland die Menschen über 55 Jahre eine strukturelle Mehrheit haben, bleibt das Zeitfenster für eine generationengerechte(re) Regelung kurz.
Doch ehrlich: Wenn wir länger arbeiten sollen – und die Bundesregierung versucht durch Anreize wie die steuerfreie Aktivrente dahin zu steuern – dann muss auch der Arbeitsplatz alter(n)sgerechter gestaltet werden. Die Rahmenbedingungen müssen sich auf das Älterwerden, das zudem individuell unterschiedlich erlebt werden wird, entsprechend einstellen.
Der Heidelberger Geriater Jürgen M. Bauer empfiehlt drei Schritte:
- Erstens: den Gesundheitscheck am Arbeitsplatz. Ziel muss es sein, den Arbeitsplatz auf die individuellen gesundheitlichen Bedarfe einzustellen.
- Zweitens: eine hohe Eigenverantwortlichkeit des älter werdenden Mitarbeitenden, der eigenen Gesunderhaltung Priorität vor der Arbeitsleistung zu geben. Man braucht nicht nur mehr Schlaf, sondern muss auch akzeptieren, dass die Arbeitsleistung nicht mehr so ist wie mit 50 oder 40 Jahren. Älter werdende Menschen müssen erkennen dürfen, dass sie eher erschöpft sind und daher mehr schonende Ruhepausen benötigen.
- Drittens: Prävention muss gelegt werden: Die regelmäßigen, insbesondere kardio-vaskulären Vorsorgeuntersuchungen sollten verpflichtend in Anspruch genommen werden.
2025 waren knapp 20 Prozent der 67-Jährigen erwerbstätig. 2015 lag die Quote in dieser Altersgruppe noch bei 13,3 Prozent. Und noch immer gehen viele Menschen vorzeitig in den Ruhestand (2025 waren 60,9 Prozent der 63-Jährigen nur noch erwerbstätig).
Wer also will, dass Menschen länger arbeiten, muss aktiv den Rahmen dafür schaffen. Und wer möchte, dass Menschen insgesamt länger arbeiten können, muss der Gesundheit am Arbeitsplatz und damit der Prävention deutlich mehr Bedeutung schenken. Arbeitgebende und Arbeitnehmende müssen umdenken, damit die aufgezeigten Herausforderungen der Zukunft bewerkstelligt werden können!
Realitätsverweigerung ist keine Option mehr.