Wer pflegt wen wie wo? Das Stadtbild der älter werdenden Gesellschaft formiert sich.
Die aktuellen Reformvorhaben der Bundesregierung, das Gesundheitswesen sowie die Pflege in Deutschland zukunftstauglich zu gestalten, sind nicht gelungen, denn es sind nur jene Maßnahmen in Angriff genommen worden, die kurzfristig dazu beitragen, die Kosten zu senken. Wer sich um einen Arzttermin bemüht, eine Notaufnahme im Krankenhaus aufsucht oder einen Pflegeplatz für einen Angehörigen sucht, wird feststellen, dass sich daran wenig zum Besseren ändern wird.
Das eigentliche Problem ist der seit Jahren ignorierte demografische Wandel: Immer mehr ältere Menschen verlangen besonders nach Dienstleistungen der Gesundheit und der Pflege. Das war absehbar, denn diese Menschen sind geboren. Und diese Herausforderung wird sich nochmals nachhaltig verschärfen, wenn die Babyboomer in die Pflege kommen, also in 15 bis 20 Jahren. Wie ist unser Gesundheits- und Pflegesystem darauf vorbereitet? Leider gar nicht. Die aktuellen Reformbemühungen haben sich auch darum gar nicht gekümmert. Weichen sind nicht gestellt worden.
Wer genauer hinschaut, wird erkennen, dass das Durchschnittsalter der niedergelassenen Ärzte schon heute bei 55 Jahren liegt, dass nicht genügend Ärztinnen und Ärzte ausgebildet worden sind, um den altersbedingten Aderlass aufzufangen, dass im Pflegebereich rund 40 Prozent der Berufstätigen über 50 Jahre alt sind. Ähnliche Zahlen lassen sich für Zahnärzt*innen und Apotheker*innen, für Physiotherapeut*innen und viele andere Berufe belegen. Das war seit Jahren absehbar, wurde aber ignoriert.
Hinzu kommt, dass die seit 1965 Geborenen zu rund 25 Prozent kinderlos sind, also keine Nachkommen haben, die sich kümmern könnten. Ebenfalls zu bedenken ist, dass rund ein Drittel der Single-Haushalte von Menschen über 60 Jahre bewohnt werden. Wer kümmert sich um sie, wenn sie krank sind oder wenn die Hitzetage zu Kreislaufbeschwerden führen? Wenn also die Angehörigen nicht mehr als (preiswerte) Pflegekräfte zur Verfügung stehen, weil sie nicht mehr vorhanden sind oder weil sie selbst gar nicht vor Ort leben, dann stellt sich die Frage: „Wer pflegt, wer kümmert sich?“ Wenn die Angehörigen, die da sind, auch noch im Beruf stehen und die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf noch immer eher ein Schattendasein führt, dann braucht es Fachkräfte. Doch die sind schon heute dringend gesucht. Wie wird das erst sein, wenn die Babyboomer in die Pflege kommen?
Denn der demografische Wandel bedeutet nicht nur, dass die Gesellschaft älter wird und die Älteren einen immer größeren und bei jeder Wahl entscheidenden Anteil stellen, sondern heißt auch, dass der Anteil der nachwachsenden Generationen sich im Laufe der Jahre halbiert hat. Mit anderen Worten: Wenn 2031 der geburtenstärkste Jahrgang (1964) in den Ruhestand eintritt, können deren Arbeitsplätze nur zur Hälfte wieder besetzt werden, weil die andere Hälfte gar nicht mehr geboren ist. Es darf bezweifelt werden, ob die Digitalisierung im Gesundheitswesen und in der Pflege dazu führt, dass Robotik diese Lücke allein füllt.
Schon heute bereichern zahlreiche zugewanderte Menschen im Gesundheitswesen und in der Pflege unseren Arbeitsmarkt, so dass ohne sie beide Bereiche schlichtweg zusammenbrechen würden. Und immer mehr Menschen wählen eine solche Zerstörungslust, da sie die politisch laut geforderte „Remigration“ mit ihrer Wahlstimme unterstützen. Dabei wird ohne Zuwanderung diese Herausforderung noch deutlich größer und wahrscheinlich für den Wirtschaftsstandort Deutschland problematischer, denn Menschen, die Angehörige pflegen (müssen), stehen für Arbeit und Wertschöpfung nicht mehr zur Verfügung.
Zuwanderung kann aber nur gelingen, wenn eine weltoffene Gesellschaft sich interkulturell öffnet, wenn eine Integration dieser Menschen gelingt, wenn sie dazugehören dürfen und können und wollen. Daran mangelt es in Deutschland zurzeit sehr deutlich. Bitte schicken sie zum Spaß jene rund 300.000 Frauen und Männer aus meist osteuropäischen Ländern, die in Privathaushalten rund um die Uhr pflegen, gedanklich nach Hause. Was wäre dann los?
Bundeskanzler Friedrich Merz sorgte sich vor einigen Monaten um das Stadtbild in Deutschland und bat die Eltern, doch einmal ihre Töchter zu fragen. Das Stadtbild wird in wenigen Jahren von Rollator fahrenden und grauhaarigen Menschen geprägt sein. Barrierefreie Innenstädte, Geschäfte, Arztpraxen und Behörden, die im Sommer zudem Kühlinseln sein können, werden gefragt sein.
Wir brauchen mehr Prävention, mehr Bewusstsein, mehr Eigenverantwortung, mehr quartiersnahe Konzepte, mehr Bereitschaft, sich von bisherigen Pfaden zu lösen. Die Zukunft ist nicht mehr die Verlängerung der Vergangenheit. Das Wissen, was es braucht, ist da. Es ist aber noch nicht überall angekommen. Das ließe sich ändern, wenn man will.
