Bildung über die Lebenslinie hinweg, also so früh wie möglich und so lang wie gewünscht
Der Ernst des Lebens fängt mit der Schule an. Falsch. Denn das menschliche Gehirn fängt spätestens mit dem vollendeten ersten Lebensjahr an, synaptisch die Welt zu erkennen und zu erfassen. Die frühkindliche Bildung wird zum entscheidenden Faktor der Wirtschaftsförderung. Denn, was hier versäumt wird, kann im späteren Leben nur mit einem höheren Aufwand wieder aufgeholt werden – wenn überhaupt. So erhöht sich zum Beispiel durch den frühen Besuch einer Kita für ein Kind die Wahrscheinlichkeit, später auf ein Gymnasium zu gehen, um fast 40 Prozent. Besonders positiv wirkt sich der Krippenbesuch auf den Lernerfolg der Bildungsfernen aus.[1]
Der wichtigste Schulabschluss ist ein Abitur, weil damit die Berechtigung zu studieren verbunden ist. Falsch: Demografisch betrachtet fehlen bald Maurer/innen, Elektriker/innen, Mechaniker/innen, Bäcker/innen, Pfleger/innen, Erzieher/innen, also Menschen in Berufen, zu denen kein Studium gebraucht wird. Doch wer baut ein Haus, wer backt das täglich Brot, wer pflegt und kümmert sich um Kinder oder ältere Menschen, wer repariert die immer technikverliebter werdenden Autos? Der Maurer wird bald mehr verdienen als der Lehrer. Die Wertschätzung aller Berufe und Talente steht auf der Tagesordnung – mehr denn je.
Einmal Bäcker, immer Bäcker. Falsch. Wir dürfen davon ausgehen, dass derjenige, der als 17-Jähriger Bäcker gelernt hat, mit seinen Talenten als 67-Jähriger was völlig anderes machen kann und wird. Wir dürfen davon ausgehen, dass junge Menschen künftig viel häufiger den Beruf und den Arbeitsplatz wechseln. Wir dürfen davon ausgehen, dass innovative Technologien ein stetes neues Lernen erfordern werden. Wir dürfen davon ausgehen, dass wir die meisten Berufe, die es 2040 oder 2050 geben wird, heute noch gar nicht kennen.
Der Ruhestand ist die Zeit zu ernten, was man zuvor gesät hat. Falsch. Auch Menschen, die heute mit 67 Jahren ihren gesetzlichen Ruhestand beginnen, werden weiter lernen müssen, um mit der technologischen Entwicklung Schritt zu halten. Denn noch nie bezogen die Menschen im Durchschnitt so lange ihre Rente wie heute: 21 Jahre. Wer sich ausklingt, der wird seine gesellschaftliche Teilhabefähigkeit entscheidend verringern. Wer sich nicht weiterbildet – auch bis ins hohe Alter –, muss damit rechnen, abgehängt zu werden. Das Wissen von gestern wird morgen nicht mehr ausreichen. Bildung bleibt auf der Tagesordnung – bis zum Lebensende. Doch diese Angebote müssen zielgruppengerecht in ihrer Didaktik gestaltet werden. Da stecken wir noch in den Kinderschuhen.[2]
Die Eltern sind für die Bildung ihrer Kinder verantwortlich. Nur bedingt richtig. Denn die Bildungsberichte belegen seit vielen Jahrzehnten, dass Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund oder aus Familien mit sozial besonders herausfordernden Lebenswirklichkeiten auch weniger gute Bildungsabschlüsse haben bzw. weniger lange leben. Da wir aber jedes Kind heute brauchen, können wir es – schon seit längerer Zeit – nicht mehr erlauben, auf ein Talent zu verzichten. Wir sind alle dafür verantwortlich, die strukturellen Rahmenbedingungen im Bildungsbereich so zu gestalten, dass die Kinder unabhängig vom Elternhaus ihre Talente entwickeln und entfalten können. Weder christ- noch sozialdemokratisch gefärbte Landesregierungen haben diese Herausforderung in den letzten Jahrzehnten meistern können. Müssen wir Bildung einfach neu denken? Ja!
Demografie und Digitalisierung erfordern zum Beispiel völlig neue Ansätze im Bildungsbereich, aber sie ermöglichen sie auch. Ein Beispiel: Wir sehen noch immer unsere Kinder in Klassenräume gehen, wo ein/e (Fach-)Lehrende/r vorne steht oder sitzt, der/die diesen Kindern Wissen vermittelt. Dabei ist der Mangel der Lehrkräfte demografisch vorprogrammiert.[3] (Das wollen viele noch immer nicht wahrhaben.) Mein Bild ist, dass Kinder in einen Raum kommen, in dem sie von erwachsenen Menschen begleitet, betreut, gecoacht, unterstützt werden und der/die jeweilige Fachlehrende wird digital zugeschaltet. Auch die Bildungsformate werden technikbasiert ergänzt.
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