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Immer mehr Kinder, aber immer weniger Lehrkräfte? Das wird so bleiben – Bildung und Schule müssen sich neu aufstellen!

Am 30. März 2022 konnten wir im ‚Kölner Stadt-Anzeiger‘ ein Interview mit dem Landtagsabgeordneten Jochen Ott (SPD) lesen. Es wurde mit dem Zitat „8.000 unbesetzte Stellen sind ein Desaster“ getitelt. Am 9. April 2022 folgte dann ein Interview mit dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Hendrik Wüst (CDU), in dem er einräumte, dass in NRW rund 10.000 Lehrkräfte fehlen.

Beide Politiker waren schon landespolitisch aktiv, als der Bildungsforscher Paul Klemm 2008 eine Studie veröffentlichte, in dem die Entwicklung der Lehrkräfte, die berufstätig sind, hochgerechnet worden ist und damit verbunden der entstehende Bedarf, der damals schon absehbar war. Denn man wusste schon 2008, dass von den damals beschäftigen Lehrkräften 2020 nur noch 40 Prozent im Dienst sein würden. Die anderen 60 Prozent – das war klar – würden bis 2020 altersbedingt ausscheiden und in den Ruhestand eintreten. Und er rechnete auch vor, dass man die benötigten Lehrkräfte in den Referendariaten nicht ausbildete. Eine Lücke war also angekündigt.

Nun war damals auch klar, dass es nicht nur darum ging, die altersbedingt ausscheidenden Lehrkräfte zu ersetzen, sondern das Versprechen der Politik lautete zudem, die demografiebedingte Rendite bei den Schulen zu lassen. Das heißt, 2008 war man davon ausgegangen, dass aufgrund des deutlichen Rückgangs der Schüler*innenzahlen aufgrund der nachhaltig gesunkenen Geburtenzahlen auch weniger Lehrkräfte benötigt werden würden. Doch wollte man die Schüler*in–Lehrer*in–Relation zugunsten der Schüler*innen verbessern. Gleichviel Lehrer*innen bedeutete, dass weniger Schüler*innen von einer Lehrkraft unterrichtet werden würden. Nur: schon damals war klar, die werden nicht vom Himmel fallen.

Doch dann änderte sich die Welt mehrfach. Zum einen stieg die Zuwanderung aus dem Ausland nach 2010 wieder deutlich an. Mit der Eurokrise kamen vor allem junge Menschen aus süd- und südosteuropäischen EU-Staaten, die in großer Zahl in Deutschland blieben und zwischenzeitlich Familien gründeten. Mit der massiven Zuwanderung durch geflüchtete Menschen kamen ab 2015 ebenfalls viele Familien mit Kindern ins Land und gerade jetzt strömen erneut viele Kinder mit ihren Müttern aus der Ukraine nach Deutschland. Parallel dazu ist die Geburtenzahl wieder gestiegen. 2009 kamen nur 665.126 Kinder in Deutschland zur Welt, 2020 waren es wieder 773.144 Kinder (ohne Zuwanderung nicht möglich gewesen).

Fakt ist: die Zahl der zu beschulenden Kinder stieg, die Zahl der Lehrkräfte, die man bräuchte, auch, aber nicht im gleichen Maß die Zahl der Lehrkräfte, die zur Verfügung standen. Parallel darf festgehalten werden, dass die Herausforderungen der Lehrkräfte an den Schulen wuchsen, zumal älter werdende Kollegien sich auf stetig neue Herausforderungen einrichten mussten: Inklusion, Integration, Kinderarmut, Bildungsferne, Digitalisierung.

Was sagen Ott und Wüst: Mehr Lehrer*innen müssen eingestellt werden. Doch woher sollen die kommen? Wenn 2031 der Geburtenjahrgang 1964 (1.357.304 Geburten) in den Ruhestand geht, wird der Geburtenjahrgang 2013 volljährig und kommt ins Arbeitsleben. Das waren 682.069. Mit anderen Worten: die Hälfte der Stellen, die 2031 altersbedingt frei werden, können nicht wiederbesetzt werden. Daran ändert kein Parteiprogramm etwas.

Die Lösungsoption von Ott und Wüst, mehr Stellen zu schaffen, ist nicht mehr zukunftsfähig. Es müssen neue Modelle und Ideen her. Nur: Weder Ott noch Wüst scheinen diese Hintergründe des demografischen Wandels zu kennen oder zur Kenntnis nehmen zu wollen oder zu begreifen. Was sagt uns das darüber, wie nachhaltig dieses Problem tatsächlich gelöst werden wird – unabhängig davon, wen man am 15. Mai 2022 wählt?  Mich erschreckt das.

Was wir brauchen ist Mut, Bildung und Schule völlig neu zu denken. Die Chancen der Digitalität zu nutzen, die Vielfalt der Talente in der Bildung neu zu mischen. Das verlangt aber auch Mut zu nachhaltigen Veränderungen und dafür sind viel zu viele nicht bereit, weil sie Zukunft immer noch als Verlängerung der Vergangenheit denken und kommunizieren. Doch ein 'Weiter-So!' fährt gegen die Wand.


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