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Eine umgestürzte Lärmschutzwand an der A 3 – Beleg für eine verbreitete gesellschaftliche achselzuckende Verantwortungslosigkeit?

Am Freitag, den 13. November 2020, fiel eine Betonlärmschutzwand zufällig aus ihrer Verankerung auf ein zufällig vorbeifahrendes Fahrzeug und begrub zufällig eine 66-Jährige in ihrem Pkw unter sich. Jetzt wissen wir, dass die Ursache dafür – eine „improvisierte Konstruktion“ – seit 2008 bekannt war. Die Frage war also weniger, ob etwas passiert, sondern eher wann. Das war aktenkundig – und hat letztlich niemanden wirklich interessiert. Der tödliche Zufall wurde somit billigend in Kauf genommen.

Wie kann das sein? Es gibt sicher viele Gründe, die angeführt werden könnten. Und mindestens ebenso viele Beteiligte, die ihre Hände in Unschuld zu waschen verstehen. Da ist der Termindruck, der vertraglich die Daumenschrauben festlegt. Zu nennen wären auch die verwirrenden Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten, die Inkompetenz von Führungspersonen oder deren Überlastung, die Fluktuation des Personals, das Wegbrechen der finanziellen Ressourcen oder der Streit um knappe Budgets und schlichtweg irgendwann das Vergessen, das Achselzucken, die Sorglosigkeit, das Verdrängen.

Kommt uns das nicht irgendwie bekannt vor?

Wir alle sind zurzeit von einer Pandemie betroffen, die von den Experten ebenfalls vorhergesagt worden ist. Die Frage lautete weniger, ob diese Pandemie kommen würde, sondern eher wann. Da gab es Pläne und Strategien aus den Jahren 2008 und 2012, die in Schubladen verschwanden. Es war allen irgendwie klar, hat aber letztlich niemanden wirklich interessiert. Die Pandemie, die sich niemand so richtig vorstellen wollte, wurde billigend in Kauf genommen.

Wir alle spüren, dass sich unser Klima wandelt – weltweit. Dabei hat der erste Weltklimabericht vor 30 Jahren die wesentlichen Fakten und Wirkungsmechanismen bereits gekannt und beschrieben. Sie sind heute Realität. Wir dürften nicht überrascht sein. Doch so richtig ernst nehmen wollte das niemand.

Wir alle spüren, dass sich unsere Gesellschaft strukturell nachhaltig verändert. Immer mehr ältere Menschen wollen von immer weniger jüngeren Menschen finanziert, gepflegt und unterhalten werden. Wir nennen das demografischer Wandel, weil die damit einher gehenden Phänomene erstmals in der Geschichte der Menschheit gestaltet werden müssen. Eine Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages hat sich von 1992 – 2002 damit beschäftigt. Doch so richtig ernst nehmen wollte das niemand.

Die Digitalisierung unserer Gesellschaft trat im Grunde schon früh auf. Wer die Vorboten erkennen wollte, konnte sie 1978 im Druckerstreik wahrnehmen. Wochenlang erschienen keine Zeitungen, weil die Drucker Angst hatten, ihre Jobs wären durch neue technische Satzverfahren in Gefahr. Waren sie auch. Doch statt die Entwicklung zu gestalten, sollte sie gebannt werden. Doch weder können eine technische Idee noch ein Virus wieder aus der Welt verschwinden. Sorglosigkeit und Bequemlichkeit bestimmten das gesellschaftliche Veränderungstempo, sonst wären wir zum Beispiel in der digitalen Bildung viel weiter gewesen.

Dabei müssen wir erkennen, dass diese drei großen Megatrends – Demografie, Klimawandel, Digitalisierung – mit Wucht gleichzeitig auf der gesellschaftlichen Agenda stehen, um gestaltet zu werden. Sie wirken nachhaltig, obwohl sie sich hinter der Corona-Pandemie gelungen verstecken. Sie wirken aufeinander ein, stellen aber auch Lösungsoptionen füreinander dar. Und im Grunde nimmt sie keiner so richtig ernst und wahr.

Es ist wie die Lärmschutzwand, die seit vielen Jahren in keiner stabilen Verankerung stand und jederzeit tödlich wirken konnte.

Warum wollen wir diese Veränderungen nicht sehen und entsprechend gestalten? Sicher: Es setzt die Bereitschaft zu Veränderungen voraus, denn die Zukunft kann nicht mehr die bequeme Verlängerung der Vergangenheit sein. Und genau das ist es: Keiner will diese Veränderungen, obwohl allen klar ist, dass sie kommen werden und kommen müssen. Es ist diese tief verankerte, wohlstandssatte Verantwortungslosigkeit, die da hofft, der Kelch möge an uns allen vorüber gehen.

Dabei verfügen wir über Lösungen. Das Wissen liegt vor. Die Entwicklung eines Impfstoffs im Rekordtempo belegt das beeindruckend. Wir müssen es nur wollen – und die eigene Veränderungsbereitschaft nicht länger ausschließen.


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