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Corona und der kritische Blick auf die Ärzteversorgung in Zukunft

Selten zuvor haben so viele Menschen medialen Kontakt zu medizinischen Experten/innen gehabt wie in den letzten Wochen. Der Respekt vor dem/der Professor/in hat enorm zugenommen. Ebenso haben wir tagtäglich gehört, welche großartigen Leistungen Menschen in gesundheitlichen Berufen, auch auf intensivmedizinischen Stationen in unseren Krankenhäusern, leisten. Gesundheit braucht Ärztinnen und Ärzte. Doch wie ist es um diese Ressource in Zukunft bestellt?

Die Erkenntnis, dass auch Ärztinnen und Ärzte älter werden und in den Ruhestand gehen, ist banal. Gleichwohl sollte die Tatsache, dass in den nächsten zehn Jahren rund 50 Prozent der heute niedergelassen tätigen Ärzte in den Ruhestand gehen (könnten), aufhorchen lassen. Das ist zwar nicht neu, denn seit rund 15 Jahren veröffentlicht die Bundesärztekammer Statistiken, die Jahr für Jahr die Alterung der Ärzteschaft belegen. 2018 war der niedergelassene Arzt in Deutschland zum Beispiel im Durchschnitt 54,2 Jahre alt. Das Problem war absehbar. Die Weichen hätte man also längst stellen können – und eigentlich auch müssen.

Was besorgniserregend ist, ist der Umstand, dass die Hälfte der in den Ruhestand gehenden Ärztinnen und Ärzten wohl keine/n Nachfolgende/n finden wird. Das liegt daran, dass nicht genügend Ärztinnen und Ärzte ausgebildet wurden, und dass rund 40 Prozent der Medizin Studierenden anschließend nicht praktisch arbeiten, sondern in die Forschung oder in die Wirtschaft, auch ins Ausland gehen. Doch auf dem Hintergrund einer älter werdenden Gesellschaft wird diese Versorgungsfrage elementar, denn je älter Menschen werden, umso mehr benötigen sie eine bestimmte Dienstleistung: Gesundheit.

2016 wurde auf dem „Deutschen Ärztetag“ der „Masterplan 2020“ diskutiert, empfohlen und verabschiedet. Danach könne man diese Alterung der Ärzteschaft nur dann auffangen, wenn die Studienplätze der Humanmedizin von damals rund 10.600 auf 16.000 erhöht worden wären. Das hätten 16 Bundesländer auf den Weg bringen müssen. Was ist passiert? Wenig, zu wenig.

Dass zwei Drittel der Studierenden Frauen sind, ist auch nicht neu. Dass die jungen Ärztinnen eine andere Work-Life-Balance verfolgen, ist auch kein Geheimnis. Längst hätte hier eine Männerquote eingeführt werden müssen. Dass 90 Prozent der Studierenden (laut einer Befragung der kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe) nicht niedergelassen, sondern lieber angestellt arbeiten wollen, scheint auf diesem Hintergrund nur folgerichtig. Dass die heutige Struktur völlig anders ist, auch nicht unerwartet. Das macht die Nachfolgeregelung nicht einfacher. Und dieses Problem betrifft nicht nur eine Stadt oder ein Bundesland, es betrifft ganz Deutschland.

Schon 2018 arbeiteten rund 55.000 ausländische Ärzte in Deutschland, ohne die die Versorgung einer älter werdenden Gesellschaft noch problematischer wäre. Darunter sind im Übrigen über 3.900 aus Syrien geflüchtete Ärzte. Alle „Ausländer raus“ schreienden Menschen, sollten ihre Position auf diesem Hintergrund einmal selbstkritisch durchdenken.

Wenn dann in zehn Jahren eine Pandemie käme, wie würde dann die intensivmedizinische Betreuung einer älter gewordenen Gesellschaft aussehen? Welche Weichen müssten dafür heute gestellt werden?

Es braucht also neue Konzepte. Dazu zählen im Übrigen die Telemedizin, die synergetische Neustrukturierung der Krankenhauslandschaft, aber auch lokale Bündnisse für Gesundheit, in der jedes medizinische Wissen (erlernte und erlebte Kompetenz) zusammengebracht wird. Das muss man nur angehen wollen, es sei denn, man möchte in zehn Jahren völlig überrascht sein, dass die Entwicklung so gekommen ist, wie sie demografisch vorherberechnet wurde.


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