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Wen der Fachkräftemangel überrascht, der muss jahrelang gut geschlafen haben!

Deutschland sucht Fachkräfte. Wer das bezweifelt, der sollte einmal die Tageszeitungen aufschlagen. Selbst im Einzelhandel sei der Fachkräftebedarf spürbar angekommen, heißt es im ‚Kölner Stadt-Anzeiger‘. Alle scheinen überrascht. Doch man nennt das demografischer Wandel.

Zugegeben: die meisten Menschen verstehen darunter nur das Älterwerden sowie den steigenden Anteil der Älteren an der Gesamtbevölkerung. Dabei verstehen wir auch die Tatsache, dass seit 1964 stetig weniger Kinder geboren sind, darunter, ebenso wie die Tatsache, dass die Zusammensetzung unserer Gesellschaft durch Zuwanderung immer vielfältiger geworden ist. 25,5 Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung hatten Ende 2018 einen sogenannten Migrationshintergrund. Das sind 20,8 Millionen Menschen, ein Fünftel der in Deutschland lebenden Menschen.

Und Kinder? 1964 erblickten auf deutschem Boden noch 1.357.304 Kinder die Welt. Nach geltendem Rentenrecht werden sie 2031 ihren verdienten Ruhestand antreten. Dann wird der Geburtenjahrgang 2013 18 Jahre und steht dem Arbeitsmarkt theoretisch zur Verfügung. Das waren 682.069 Kinder. Mit anderen Worten: 2031 kann nur jeder zweite von den 1964 Geborenen eingenommene Arbeitsplatz wieder besetzt werden. Die andere Hälfte ist nicht da. Wieso kommt das bloß so überraschend für die Elite in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft?

Dabei verlassen schon heute den deutschen Arbeitsmarkt altersbedingt mehr Menschen als neu in ihn hinein wachsen. Experten beziffern diese Lücke auf 250.000 bis 300.000 Menschen pro Jahr. Allein der Freistaat Sachsen muss bis 2030 rund 330.000 Menschen gewinnen, die als Fachkräfte freiwillig dorthin kommen sollen, wo manche Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe oder ihres Glaubens zumindest nicht gewollt werden.

Bereits im Januar 2011 veröffentlichte die Bundesagentur für Arbeit eine Publikation mit dem Titel: „Perspektive 2025: Fachkräfte für Deutschland“. Darin wird beschrieben, dass aus demografischen Gründen das Erwerbspersonenpotenzial dramatisch sinken wird. Zehn Handlungsfelder wurden identifiziert, mit denen dazu beigetragen werden könnte, den Fachkräftebedarf der Zukunft zu begegnen. Dazu zählten zum Beispiel die Handlungsfelder „Schulabgänger ohne Abschluss reduzieren“, „Ausbildungsabbrecher reduzieren“, „Studienabbrecher reduzieren“, aber auch „Zuwanderung Fachkräfte steuern“. Knapp zehn Jahre später tritt ein Fachkräftezuwanderungsgesetz in Kraft. Was ist sonst so passiert? Am 16. Dezember 2019 veranstaltete die Bundesregierung erstmals einen eigenen Fachkräftegipfel. Es kam mal wieder alles plötzlich und überraschend. Dabei war eigentlich alles seit Jahren ganz klar absehbar.

Hinzu kommt, dass sich der Arbeitsmarkt völlig neu aufstellt, weil künftig der Arbeitnehmende entscheidet, wo er arbeiten will und nicht mehr der Arbeitgebende aus einem Bewerberpool auswählt, wer bei ihm arbeiten darf. Dass mehr Generationen und Kulturen am Arbeitsplatz miteinander auskommen müssen, ist eine weitere Tatsache. Wenn es immer schwieriger werden wird, Fachkräfte zu gewinnen, kommt der Bindung und der Entwicklung dieser Menschen eine immer größere Rolle zu. Dabei gilt es auch Zielgruppen in den Blick zu nehmen, an die man zuvor lange nicht dachte oder denken wollte: Migranten zum Beispiel.

Schon der Schweizer Schriftsteller Max Frisch (1911-1991) wusste nach der Welle der Gastarbeitenden (1955 – 1963) zu bilanzieren, dass wir Arbeitskräfte riefen, aber Menschen kamen. Der Integration dieser Menschen wurde praktisch keine Bedeutung beigemessen. 1955 wurde der erste Gastarbeitervertrag mit Italien geschlossen. 2016 beschloss der Deutsche Bundestag das Integrationsgesetz. 61 Jahre später. Das Ausländerrecht, das 1965, nachdem bereits eine Million Gastarbeitende im Land waren, geschaffen wurde, befindet sich in der Rechtsrubrik „Gefahrenabwehrrecht“. Demnach ist der Ausländer/die Ausländerin eine Gefahr – bis heute.

Aber was soll einen (qualifizierten!) Menschen motivieren, nach Deutschland zu kommen? Sind unsere Ausländerämter Willkommenszentralen der weltweiten gesellschaftlichen Vielfalt? Verfügen die Kommunen über erprobte Integrationskonzepte?

Fazit: Wer den Fachkräftebedarf der Zukunft nachhaltig gestalten will, der braucht ein Gesamtkonzept. Eine Stellschraube (z. B. Fachkräftezuwanderungsgesetz) reicht nicht. Doch dazu müssten alle mit anpacken. Es bleibt eine gemeinsame Anstrengung aller gesellschaftlich Handelnden notwendig. Doch noch immer wird der demografische Wandel nachhaltig unterschätzt. Jeder Akteur glaubt noch für sich, durch bessere Marketingkonzepte, Berufsimagekampagnen, höhere Löhne und einem modifizierten ‚Weiter so!‘ die Herausforderung zu wuppen. Irrtum. Wir müssen unsere gesamte Gesellschaft neu organisieren. Doch diese Erkenntnis ist noch nicht vorhanden. Man versucht Zukunftsgestaltung noch immer als optimierte Verlängerung der Vergangenheit.


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