Blog

Blog

Pandemie, Flut, Explosion – Die Risikogesellschaft mit der Kasko-Mentalität

1986 veröffentlichte der Soziologe Ulrich Beck sein Buch „Risikogesellschaft – Auf dem Weg in eine andere Moderne“, in der er beschrieb, dass eine hochindustrialisierte Gesellschaft in einem dicht bevölkerten Land mit wachsenden Risiken leben lernen muss, ohne dass andere (Chinesen, Kapitalisten, Kommunisten, Juden, Schwarze, Flüchtlinge etc.) dafür verantwortlich sind. Sein Buch fand am 26. April 1986 seinen gesellschaftlichen Resonanzboden, als im damals sowjetischen Tschernobyl ein Atomkraftwerk explodierte. Die Antwort, die wir gesellschaftlich gaben, war das politische Versprechen nach immer mehr Sicherheit. Wir wollten nicht 95prozentig sicher leben, sondern 98-, 99- oder gar hundertprozentig. Eine Gesellschaft, in der immer mehr Menschen immer mehr besitzen, hat auch immer mehr zu verlieren. Sicherheit war gefragt. Eine Vollkasko-Mentalität die Folge.

Und wenn Menschen, die wenig besitzen in fernen Ländern, näher gebracht durch die Bilder in den Fernsehnachrichten, alles verloren, sogar um ihr nacktes Überleben kämpften, so war das weit weg. Es betraf uns nicht. Der Virus, der weltweit agiert, Wetterkapriolen, die weltweit zu beobachten sind und dramatische Unglücke, die eben auch im vermeintlich sicheren Deutschland geschehen, verdeutlichen, dass es keine 100prozentige Sicherheit geben kann. Nie gegeben hat. Wir haben uns etwas vorgegaukelt. Daran ist auch keiner schuld, höchstens wir selbst, weil wir Illusionen nachgejagt sind.

Wir haben verlernt, rechtzeitig zu agieren. Das Re-Agieren ist hingegen mühsam und meist auch teurer. Gut, dass es Deutschland so gut ging, denn knapp 300 Milliarden Euro mehr Schulden mussten seit März 2020 geschultert werden, um unsere Illusion eines Vollkasko-Wohlfühllebens aufrecht zu halten.

Und mit dem Klimawandel, dem demografischen Wandel, der Digitalisierung erleben wir Megatrends, die die menschliche Gesellschaft noch nie zu bewältigen hatte. Und das gleichzeitig. Es kündigen sich Veränderungen an, die völlig neue Antworten verlangen. Veränderungen, die auf eine stetig älter werdende Gesellschaft treffen, die eigentlich meinte, verdient zu haben, ihren Ruhestand in Ruhe und Frieden erleben zu dürfen. Veränderungen, die sich 1991 mit dem Erscheinen des ersten Weltklimaberichtes der Vereinten Nationen ankündigten, die mit dem Abschlussbericht der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zum demografischen Wandel 2002 klar beschrieben waren, die 2014 auf der Hannover-Messe zum Thema Unternehmen 4.0 einen nachhaltigen Akzent einer digitalisierten Welt sendete – und doch haben wir weitergemacht, als wenn nichts wäre.

Wir haben Zukunft als eine stetig zu optimierende Verlängerung der Vergangenheit begriffen.

Die Pandemie, die Flut und die Explosion – für sich genommen Ereignisse, die einfach vorkommen, in der Aneinanderreihung aber zu Ohnmacht und Ratlosigkeit führen. Die sich längst angekündigten gesellschaftlichen Veränderungen weiter auszublenden, wäre fahrlässig. Denn was wir brauchen ist,

erstens:          eine klare faktenbasierte Ist-Analyse und eine Vorausschau dessen, was wir bereits wissen, das in Zukunft kommen wird ,

zweitens:       eine umfassende lebenslange Bildung, die sich an alle Generationen wendet und vermittelt, wie man in einer sich rasch verändernden und risikobehafteten Welt lebt und sich flexibel sowie solidarisch den Veränderungen stellt,

drittens:         eine auf Solidarität aufgebaute Gesellschaft, in der die gemeinsame Zukunft wichtiger ist als die unterschiedliche Herkunft, die den Zusammenhalt auf der Basis eines gemeinsamen Wertefundaments in einer vielfältigen Gesellschaft lebt.

Das ungeheure Potenzial der gesellschaftlichen Solidarität spüren wir gerade in den Hochwassergebieten deutlich. Sind die Menschen mal wieder weiter als die Politik?

Muten wir uns den ungetrübten Blick auf klar vorliegende Wahrheiten zu, damit wir sie auf diesem Fundament gestalten können. Andernfalls werden weitere Überraschungen auf uns zukommen, die wir mit Sicherheit nicht mit Instrumenten von gestern bewältigen können. Es liegt an uns. Zukunft ist nicht mehr die Verlängerung der Vergangenheit.


Artikel 1 von 141

Right Menu Icon