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Der Corona-Virus – ein Lernlabor für eine älter werdende Gesellschaft?

Seit Wochen beschäftigt uns der Corona-Virus in einem noch nie da gewesenen Ausmaß. Der Berliner Virologe Christian Dorsten spricht von einer „Naturkatastrophe in Zeitlupe“, die wir alle beobachten könnten. Sie wird spätestens vorbei sein, wenn 60 – 70 Prozent der Bevölkerung immunisiert sind, entweder weil sie aufgrund der Erkrankung immun geworden sind oder weil es einen Impfstoff gibt. Doch was sollten wir daraus für die Zukunft lernen?

Dieser Virus ist insbesondere für Menschen über 80 Jahre und für Menschen mit Vorerkrankungen lebensbedrohlich. Das Durchschnittsalter der Verstorbenen in Deutschland liegt bei 81 Jahren. Da es noch nie eine Gesellschaft in Europa gegeben, in der die Menschen so alt wurden, wie in Deutschland, kommt diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung zu. Ende 2018 lebten 5,4 Millionen dieser „Hochaltrigen“ in unserem Land. Diese Zahl wird laut dem Statistischen Bundesamt bis 2022 auf 6,2 Millionen ansteigen, dann bis 2030 ungefähr auf diesem Niveau verbleiben. Wenn aber die Babyboomer-Generation um 2040 das 80. Lebensjahr erreicht, werden sich diese Zahlen kontinuierlich weiter erhöhen. 2050 rechnen die Statistiker mit 8,9 Millionen Menschen über 80 Jahre, womit der Höhepunkt erreicht werden dürfte. Das wären dann rund zwölf Prozent der Gesamtbevölkerung.

Wir wissen schon heute, dass Menschen im hohen Alter eine Dienstleistung besonders gebrauchen: Gesundheit. Das in Kiel ansässige Fritz-Beske-Institut wies mit seinen Multimorbiditätsprognosen schon 2009 darauf hin, dass die altersbedingten Erkrankungen (Krebs, Diabetes, Schlaganfall, Demenz) sehr deutlich zunehmen werden. (Derartige Virus-Pandemien wurden nicht mitberücksichtigt.) Das allein für sich muss nicht problematisch sein, zumal der medizinische Fortschritt ebenfalls rasant ansteigt und in immer kürzeren Abständen dafür sorgt, das gestern für nicht möglich Gehaltenes heute denkbar und morgen machbar ist. Doch der demografisch bedingten Zunahme der Patientenschar steht eine Abnahme des zur Verfügung stehenden ärztlichen und pflegenden Personals gegenüber. Denn der nachhaltige Rückgang der Geburtenzahlen seit 1964 sorgt dafür, dass schon heute, aber noch stärker in den nächsten Jahren, mehr Menschen aus dem Arbeitsleben ausscheiden als neu hineinkommen. Bereits 2018 lag das Durchschnittsalter eines niedergelassenen Arztes bei rund 54 Jahren.

Manche Botschaften der Corona-Krise sind schon heute klar:
• Keiner hat diese Krise vorausgesehen, obwohl vergleichbare Gesundheitskrisen sich schon haben beobachten lassen: SARS-Epidemie in Asien, Ebola in Afrika. Unter Tieren wütet die Afrikanische Schweinepest seit 2017 weltweit.
• Keiner hat diesen Virus so richtig ernst genommen, obwohl etliche Wissenschaftler darauf hingewiesen haben. Vergleichbar sind die Erkenntnisse zum Klimawandel, die seit dem 1. UN-Klimabericht (1991) vorliegen, und viele nicht wahrhaben woll(t)en.
• Viele politisch Handelnde haben den Virus (bis heute) massiv unterschätzt, auch als er in China ausbrach und nicht für möglich gehaltene Maßnahmen auslöste.
• Krisen – welcher Art auch immer – sind lösbar, wenn man konsequent einen politischen Willen entwickelt und die Kräfte bündelt. Was plötzlich alles möglich ist, wenn man gemeinsam will!
• Es werden Werte neu betont wie die Solidarität unter den Generationen oder das freiwillige Engagement in der Gesellschaft.

Wenn wir dann den Blick auf die gesellschaftliche Wahrnehmung des demografischen Wandels richten, so konnten wir auch früh Signale wahrnehmen, die darauf hinwiesen: Herwig Birg, Bevölkerungswissenschaftler aus Bielefeld, sprach 2001 von einer „demografischen Zeitenwende“ oder Kurt Biedenkopf, prangerte die „Ausbeutung der Enkel“ 2006 an. Doch auch hier ist zu beobachten, dass bis heute die politisch Handelnden diesen ebenfalls in Zeitlupe verlaufenden Veränderungen der Gesellschaft kaum ein nachhaltiges Augenmerk schenk(t)en. Wer heute den Fachkräftemangel – auch in der Pflege – beklagt, dem kann vorgerechnet werden, dass der seit Jahrzehnten vorhersehbar war. Auch der demografische Wandel wird neue Politikfelder etablieren: Generationenpolitik und Engagementpolitik. Doch noch mangelt es am politischen Willen, diesen Wandel anzuerkennen und konsequent als neue soziale Realität zu gestalten.

Ist somit der Corona-Virus ein Vorgeschmack auf das, was eine älter werdende Gesellschaft in einer global-vernetzten Welt für Herausforderungen zu meistern haben wird? Insofern stellt das, was wir heute erleben, ein Lernlabor für die Zukunft dar. Denn das Ziel, dem Zusammenbruch des Gesundheitswesens vorzubeugen, stellt sich auch auf dem Hintergrund der Demografie. Kreative Lösungen sind gefragt und eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung, die anstehenden Veränderungen, für die es kein Vorbild gibt, mutig und geschlossen zu gestalten. Dafür braucht es Lösungen. Diese Lösungsideen gibt es. Denn wo Menschen sind, entstehen auch kreative, innovative Wege, Herausforderungen zu meistern.

Gleichwohl sind Strukturen und Bevölkerungsmehrheiten noch stark fixiert auf das „Weiter so!“, auf die Verlängerung der Vergangenheit als Konzept für die Zukunft. Der Corona-Virus macht aber jedem wie in einem Crash-Kurs klar, dass dies nicht mehr gelingen kann. Wir sollten schon heute darüber nachdenken, wie wir die Zeit nach Corona zukunftsorientiert gestalten.


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