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Die Corona-Kommunikation – Lehren für die Zukunft ziehen

Immer dann, wenn etwas völlig Neues auf uns zukommt, nutzen keine althergebrachten Erklärungsmuster, Rückgriffe in die Vergangenheit oder Beschwörung altbewährter Instrumente. Wir lernen alle gleichzeitig etwas Neues, machen erstmals Erfahrungen damit und müssen lernen, es alltagstauglich zu gestalten. Der Corona-Virus Covid 19 zählt insofern dazu, als dass kaum einer sich an die letzte Pandemie 1918 erinnern kann, als die ‚Spanische Grippe‘ weltweit 50 Millionen Menschen dahinraffte.

Davon sind wir sehr weit entfernt, auch weil sehr, sehr viele Menschen sehr verantwortungsbewusst gehandelt haben. Im Nachhinein ist man immer klüger und weiß, wie es hätte besser laufen können. Doch im Moment der Entscheidung kann man auf erstmalig auftretende Phänomene nur mit dem Makel des Fehlers agieren, der den Mut verlangt, aus eingesehenen Fehlern zu lernen. Nur so gelingt Fortschritt. Nur so funktioniert Forschung.

Doch in einer freien, offenen, weltweit vernetzten, mobilen Gesellschaft kommt es insbesondere auf die Kommunikation an. Sie muss klar sein, einfach und verständlich, handlungsorientiert und lebensnah. Denn in einer Social-Media-Welt, in der jeder Mensch jederzeit zum Sender von Informationen (damit auch Halbwahrheiten oder sogar Lügen) werden kann, kommt es auf die Glaubwürdigkeit der handelnden Personen an. Wenn diese unterschiedliche Lösungen vorschlagen, bleibt stets die Frage offen, wem man warum folgt oder eben auch nicht folgt.

Diskussionen, auch kontroverse, bleiben in der Demokratie notwendig. Doch das Ergebnis der Diskussionen muss – gerade in Krisenzeiten – möglichst einheitlich kommuniziert werden. Für unterschiedliche Vorgehensweisen bedarf es wieder klar einsehbarer Gründe, die wiederum auch von allen Beteiligten nachvollzogen werden können.

Grundlage einer erfolgreichen Kommunikation – gerade auch in Krisen – ist die empfängerorientierte Kommunikation. Es interessiert nicht, was der Sender zu sagen hat, es interessiert, wie es beim Empfänger ankommt.

Grundlage einer erfolgreichen Kommunikation – nicht nur in Krisenzeiten – ist der kommunikativ erfahrbare Schulterschluss von Betroffenen, Beteiligten und Experten. Ziel ist, die Sichtweisen möglichst vieler Menschen in den Entscheidungsfindungsprozess einzubeziehen, nicht nur einigen Wenigen, zum Beispiel den Virologen, zu vertrauen. Das sichert Identifikation und Umsetzung.

Grundlage einer erfolgreichen Kommunikation – erst recht in Krisenzeiten – ist das Vertrauen, das man in die handelnden Personen setzt. Vertrauen beruht auf einer Kombination von Wissen und Kontrollierbarkeit. Menschen vertrauen Menschen, die sich informieren, dann entscheiden und ihre Entscheidungen empfängerorientiert vermitteln.

Die meisten Menschen sind fachlich unwissend, verfügen aber über einen gesunden Menschenverstand. In Fragen der Pandemiebekämpfung eines weltweit neu aufgetretenen Virus sind nun mal gerade Virologen Experten. Dann brauchen Menschen aber nachvollziehbare, und damit kontrollierbare Parameter, um zu verstehen und verstehend zu befolgen. Das ist Aufgabe der Kommunikation – und hier sind aus meiner Sicht Schwächen aufgetreten:

• Zuerst war es wichtig, die Zahl der Infizierten zu senken, damit die Kapazitäten des Gesundheitssystems nicht kollabieren. Hochrechnungen des Tempos der Infizierung haben für Mai 2020 vorausgesagt, dass nicht für alle zu erwartenden intensivmedizinisch zu behandelnden Personen geeignete Betten in Krankenhäusern zumal mit Beatmungsgeräten zur Verfügung stehen. Folge: Kontaktbeschränkungen, damit der Virus beherrschbar, das Gesundheitssystem leistungsfähig bleibt. Das ist erreicht.

• Dann kam die Verdoppelungszeit der Infizierten ins Spiel. Hatten sich die Zahlen der Infizierungen innerhalb weniger Tage verdoppelt, so hieß es nun, diese Zeit muss entschleunigt werden. Alle 14 Tage Verdoppelung wurde als Ziel ausgegeben, später alle 20 Tage. Als wir bei alle 25 Tage waren, verschwanden Zahlparameter und Statistik aus der öffentlichen Diskussion. Das ist zudem auch erreicht.

• Nun war die Reproduktionszahl der neue Kriterienstar. Also die Zahl, die besagt, dass ein Infizierter maximal einen weiteren Menschen, besser noch viel weniger, neu ansteckt. Doch diese Zahl ist seit dem 23. März 2020 bei oder unter 1. Das ist also auch erreicht.

• Dann ist kommuniziert worden, dass diese Reproduktionszahl nicht unabhängig von anderen Zahlen zu betrachten ist, so zum Beispiel von der Zahl der täglichen Neuinfizierten. Das sind wir gerade bei rund 1.300. Und jetzt?

• Als Verhaltensregel war lange Zeit der Abstand von rund 1,5 Metern propagiert worden in Verbindung mit der Händehygiene. Plötzlich gab es überall Plexiglasscheiben, Abstandsstreifen und Desinfektionsspender. Das war unstrittig und von allen Experten mitgetragenen. Dann aber kam die Maskenpflicht und hier war man sich uneinig. Der Weltärztepräsident hält sie gar für „falsch“. Dann kamen Beschlüsse von Bund und Ländern, die einstimmig waren, um sie tags drauf unterschiedlich zu interpretieren und umzusetzen. Gerichte verwerfen getroffene Entscheidungen in manchen Bundesländern, Lockerungsdiskussionsorgien wurden diagnostiziert.

Was wir brauchen, sind klare Informationen, klare für alle geltende Regeln, die einfach einsehbar und zu befolgen sind und die von der großen, großen Mehrheit verstanden und getragen werden. (Verschwörungstheoretiker gibt es immer!) Was ist denn eigentlich jetzt noch unser Ziel? Wie lange wollen wir die für die eine Hälfte der Bevölkerung problemlos zu ertragenden Maßnahmen noch durchhalten, die gleichzeitig für die andere Hälfte existenzbedrohend sind oder seelisch krank machen?

Vorschlag: Warum setzen sich nicht endlich alle Virologen an einen Tisch und tragen zusammen, was sie über Covid 19 wissen, was sie mit großer Mehrheit annehmen, und was sie (noch) nicht wissen. Daraus werden dann jene klaren Vorstellungen und Handlungsvorgaben abgeleitet, die von der überwiegenden Mehrheit der Virologen unterschrieben werden. Dann wird dieses Ergebnis an einen weiteren Expertenkreis gegeben, der wirtschaftliche, gesellschaftliche, psychologische, zielgruppenspezifische (Kinder, Ältere), soziologische, verfassungsrechtliche und kommunale Interessen definiert und mit den Handlungsvorgaben abgleicht. Daraus wird eine Empfehlung für die Politik geschmiedet, die im Rahmen der Gesetze zu entscheiden hat. Das Ergebnis wird dann auf die Welten der Betroffenen runtergebrochen, bevor es kommuniziert wird. Ziel ist, einen Alltag mit Corona zu gestalten, der nicht ausschließt, dass Menschen sterben, aber berücksichtigt, dass dies so wenig wie möglich vorkommt, der aber auch zulässt, dass alle existieren können.

Das braucht Zeit? Ja, aber wir erleben doch gerade in diesen Tagen, dass für unmöglich Gehaltenes möglich wird. Warum nicht auch eine solche Vorgehensweise? Wir haben so viel Wissen in unserer Gesellschaft. Das muss doch in Krisenzeiten wie diesen für alle nutzbar sein. Ziel muss ein Alltag sein, der von allen gelebt und erlebt werden kann – ohne Sorgen für Gesundheit und berufliche Existenz.


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